Sternen-, Weihnachtsgeschichten und -Märchen

Eine kleine Kerze vermag zehntausend andere anzuzünden,
und diese können zum kraftvollen Licht werden, 
welches die Welt erleuchtet.
Koichi Tohei

Wenn wir

...aufeinander zugehen und zueinander stehen,
ehrlich und echt sind und auf Floskeln verzichten,
geduldig warten und wohlwollend zuhören,
Feines beschützen und Schwaches stärken,
Trauriges gemeinsam tragen und uns an den Erfolgen anderer freuen,
Hindernisse als Möglichkeiten sehen und Ansätze weiterdenken,
liebevoll begleiten und herzlich danken,
Halt geben statt festzuhalten,
Raum lassen und ermutigen, den eigenen Weg zu gehen...

dann wird Weihnachten!

Max Feigenwinter

Die Kerze, die nicht brennen wollte 

Nein, das hatte es noch nicht gegeben. Eine Kerze, die nicht brennen wollte war absolut einmalig. Es herrschte grosse Aufregung unter den Kerzen im Wohnzimmer – zumal bald Weihnachten gefeiert werden sollte und die Kerzen mit ihrem festlichen Glanz die Dunkelheit verwandeln wollten. Eine alte, erfahrene Kerze bot sich an, mit der Kleinen zu reden.

„NEIN, ich möchte nicht brennen“, antwortete die Kleine störrisch, „Wer brennt, verbrennt recht bald, und dann ist es um ihn geschehen. Ich möchte bleiben so wie ich bin – so schlank, so schön und so elegant.“

„Wenn du nicht brennst, bist du tot, noch bevor du gelebt hast“, antwortete die Alte gelassen. „Dann bleibst du auf ewig Wachs und Docht, und Wachs und Docht sind nichts. Nur wenn du dich entzünden lässt, wirst du, was du wirklich bist.“

„Nein, da danke ich schön“, entgegnete die Kleine ängstlich. „Ich möchte mich nicht verlieren, ich möchte lieber bleiben, was ich jetzt bin. Gut, es ist etwas langweilig und manchmal etwas dunkel und kalt, aber es tut noch lange nicht so weh wie die verzehrend flackernde Flamme.“

„Man kann es eigentlich nicht mit Worten erklären, man muss es erfahren“, antwortete die Alte rätselhaft. „Nur wer sich hergibt, verwandelt die Welt, und indem er die Welt verwandelt, wird er auch mehr er selbst. Du darfst nicht über das Dunkel und Kälte klagen, wenn du nicht bereit bist, dich anstecken zu lassen.“

Da ging der kleinen Kerze plötzlich ein Licht auf. „Du meinst, man ist das, was man von sich herschenkt?“

„Ja“ antwortete die Alte. „Man bleibt dabei nicht so schlank, so schön und so elegant. Man wird gebraucht und gerät auch etwas aus der Form. Aber man ist mächtiger als jede Nacht und alle Finsternis der Welt.“

Die Kerze, die nicht brennen wollte

So geschah es, dass die kleine Kerze ihren Widerstand aufgab und sich entzünden liess. Je mehr sie flackerte, um so mehr verwandelte sie sich in reines Licht und leuchtete und strahlte, als gelte es, die ganze Welt zu wärmen und alle Nächte hell zu machen. Wachs und Docht verzehrten sich, aber ihr Licht leuchtet bis auf den heutigen Tag in den Augen und Herzen all der Menschen, für die sie brannte.

Die vier Kerzen

Vier Kerzen brannten am Adventskranz.
So still, dass man hörte, wie die Kerzen miteinander zu reden begannen.

Die erste Kerze seufzte und sagte: «Ich heisse Frieden.
Mein Licht leuchtet, aber die Menschen halten keinen Frieden. Sie wollen mich nicht.»
Ihr Licht wurde kleiner und kleiner und erlosch schliesslich.

Die zweite Kerze flackerte zaghaft und sagte: «Ich heisse Glauben.
Aber ich fühle mich überflüssig. Die Menschen wollen nicht glauben.
Es hat keinen Sinn, dass ich noch brenne.» Ein Luftzug wehte durch den Raum, und die zweite Kerze war ausgelöscht.

Leise meldete sich nun die dritte Kerze zu Wort. «Ich heisse Liebe.
Ich habe keine Kraft mehr zu brennen. Die Menschen sehen nur sich selbst und sind nicht bereit, auf einander zuzugehen und einander glücklich zu machen.» Und mit einem letzten Aufflackern ging auch dieses Licht aus. 

Da kam ein Kind in das Zimmer.
Verwundert und enttäuscht schaute es die Kerzen an. «Aber..., aber, ihr sollt doch brennen und nicht erloschen sein!»
Und fast fing es an zu weinen.

Da meldete sich auch die vierte Kerze zu Wort.
«Hab keine Angst, so­lange ich brenne, können wir auch die anderen Kerzen wieder an­zünden. Ich heisse Hoffnung.»

Mit einem kleinen Stück Holz nahm das Kind Licht von dieser Kerze und erweckte Frieden, Glauben und die Liebe wieder zu Leben.

(Quelle unbekannt)

Die arme Kirchenmaus

Es war einmal eine arme Kirchenmaus, die lebte in einer großen, schönen, aber kalten Kirche. Leider gab es hier nur wenig zu fressen, wie das in Kirchen so ist, und die kleine Maus hatte Hunger. Deshalb fiel es ihr gleich auf, als eines Tages in der Adventszeit ein süßer Honigduft durch die Kirche zog.  „Hm“, dachte das Mäuschen. „Woher kommt dieser gute Duft?“
Es stellte sich auf seine Hinterpfötchen, kräuselte sein Näschen und schnupperte. Die kleine Maus folgte seiner Nase –  und nicht lange, da stand die Kirchenmaus vor einer großen Bienenwachskerze, die zwischen Tannenzweigen aufgestellt war.
„Oh, riechst du schön“, sagte sie zur Kerze. „Kann man dich essen?“
„Nein, essen kann man mich nicht, aber du solltest einmal sehen, wie ich leuchte“, erwiderte die Bienenwachskerze.
„Was ist denn `Leuchten`? Das würde ich gerne einmal sehen!“, rief die Maus aus. „Ich bin immer nur in der Kirche, wenn keine Lichter brennen.“
So beschloss die Kerze, dass sie möglichst einmal für die Maus ganz allein leuchten wollte. Tatsächlich, eines Abends nach dem Gottesdienst behielt die Kerze heimlich einen Funken Glut in ihrem Docht, als sie nicht richtig ausgeblasen wurde. Als niemand mehr nach ihr sah, fing sie, angefacht durch einen Luftzug, wieder zu brennen an. Als die arme Kirchenmaus sie so in der großen, dunklen Kirche sah, konnte sie zunächst keinen Ton herausbringen.
Noch nie hatte das Mäuschen die Kirche so gesehen. Die kleine Kerzenflamme verwandelte die Dunkelheit des Raumes in ein wunderbares Spiel aus Licht und Schatten.  „Oh, wie ist das schön!“, piepste das Mäuschen und lief schnell hin zur Bienenwachskerze. In ihrer Nähe war es ganz hell.
Die arme Kirchenmaus fühlte sich dort in der Nähe der brennenden Kerze so wohlig warm, wie sonst nur im Sommer an einem warmen Stein. „Danke“, flüsterte das Mäuschen der Kerze zu. „Danke, so schön war es noch nie hier in meiner Kirche.“
Da lächelte die Bienenwachskerze und fast hatte es den Anschein, als würde sie beim Lächeln kleiner. Lange saß die Maus bei der Kerze. Warm war es dort, hell und schön.
Die arme Kirchenmaus genoss diese Nacht. Ihr war es, als würde sie im Licht und der Wärme der Bienenwachskerze baden.
Doch plötzlich erschrak das Mäuschen. „Du bist ja ganz klein geworden“,  rief es entsetzt aus. Bist du krank?“ „Merkst du das jetzt erst, kleines Mäuschen?“, erwiderte die Kerze mit leiser Stimme. „Nein, krank bin ich nicht. Ich will dir ein Geheimnis verraten.“ Das Mäuschen spitzte seine Ohren und die Bienenwachskerze begann zu reden:  „Mäuschen, Glück ist für jemanden brennen. Verstehst du das?“ Die kleine Maus schüttelte den Kopf.
„Nun, was wir zusammen erlebt haben, das ging nur, weil ich mich nicht gefürchtet habe, kleiner zu werden. Hätte ich eine große, schöne, duftende Bienenwachskerze bleiben wollen, hätte ich nie das Glück in deinen schwarzen Mäuseaugen sehen können. Nie hätte ich deine Freude miterlebt, wenn ich den Funken nicht im Docht hätte glimmen lassen, wenn ich nicht für dich gebrannt hätte. Ohne mein Leuchten wäre die Kirche jetzt dunkel und kalt.“
„Das verstehe ich“, rief das Mäuschen: „Weil du brennst, und kleiner wirst, ist es schön für mich und ich bin froh. Du verschenkst dich mit Licht und Wärme an mich.“ „Das hast du schön gesagt“, erwiderte die Bienenwachskerze. „Ja, ich verschenke mich an dich, damit du glücklich bist.“ Mit großen Augen schaute die arme Kirchenmaus auf die immer kleiner werdende Kerze. „Für andere etwas tun ist etwas sehr Schönes“, hauchte sie. Die Bienenwachskerze knickte ein bisschen ein. Das sah aus, als ob sie nickte. Sie strahlte noch einmal besonders hell.

Da sah das Mäuschen, dass das Kreuz vorne in der Kirche angestrahlt wurde, und es ahnte, dass das Kreuz etwas mit dieser Nacht zu tun hat. „Ich liebe dich, Mäuschen“, flüsterte die Kerze und verlosch.
Seit dieser Nacht dachte die arme Kirchenmaus immer, wenn sie das Kreuz betrachtete, an das, was die Kerze gesagt hatte:
„Ich verschenke mich an dich, damit du glücklich bist.“

Autor: Michael Pfeiffer (Veröffentlich 1987 in Ausgabe 52 der Zeitschrift „Der Jugendfreund“)